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Ausgsting.

Die Brüder Julian und Thomas Wittmann haben bereits 2020 von sich reden lassen, als sie ihren Jugendtraum in die Realität umsetzen wollten: auf ihren alten Mopeds mit 40 km/h von Bayern nach Las Vegas fahren. Raus aus der bayerischen Provinz und rein ins pralle Leben! Dokumentiert haben sie ihren irren Trip im Film „Ausgrissn!“.
In ihrem neuen Film, „Ausgsting“ wollen sie wissen, was Menschen dazu bringt, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, um frei zu leben. „Gangerl“ soll es ihnen erklären, ein Mann, der 1988 Bayern verlassen hat und seit dem um die Welt segelt.

„Gangerl“ war ein erfolgreicher Kunstschmied und Unternehmer, der alles getan hat, um in seiner Heimat Roding anerkannt und integriert zu werden. 1944 ist er mit seiner Mutter aus Breslau geflohen und sind so nach Bayern gekommen. Dazugehört hat er aber nie. 1975 besorgt er sich Pläne, um selbst eine Segelyacht zu bauen, wobei der Bau der 15 Meter langen Stahlsegelyacht auf seinem Hof zwölfeinhalb Jahre dauert. Er verkauft seine Firma und alles andere, was er besitzt, und begibt sich mit seiner Freundin und dem Hund in Regensburg aufs Wasser, von wo es zunächst Richtung Balkan, dann ins Schwarze Meer und ins Mittelmeer weiter geht. Seit dem ist er unterwegs, erst auf der „Bavaria“, inzwischen auf der „Bavaria II“, die auch schon sehr in die Jahre gekommen ist.

Ein Aussteiger und Weltumsegler aus Bayern? Der ist doch ideal für den neuen Film der Brüder Wittmann. So haben sie Kontakt zum „Gangerl“ aufgenommen und mit ihm ausgemacht, dass sie ihn drei Monate lang mit der Kamera auf seiner Yacht begleiten. Doch gleich zu Beginn der Dokumentation ist der „Gangerl“ plötzlich verschunden und als er nach Tagen wieder auftaucht, hat er Bedenken gegen die begleitende Filmcrew und möchte das Projekt am liebsten abbrechen. Julian Wittmann kann ihn doch noch umstimmen, so dass sie eine Reise von 2000 Seemeilen planen, die sie nach West-Papua führen soll.

81 Jahre alt ist Wolfgang "Gangerl" Clemens inzwischen und noch immer körperlich und mental top fit. Doch was ist seine persönliche Definition von Glück? Hat er es überhaupt auf seinen Reisen finden können? Was war seine Motivation, seine bayerische Heimat Roding zu verlassen und ununterbrochen auf See zu leben? Hat er wirklich Freiheit und Zufriedenheit jenseits materieller Werte finden können? Und wie war es, als seine damalige Freundin nach Deutschland zurück gekehrt und nie wieder zu ihm zurück gekommen ist? Was hat ihn so verbittert, dass er nie wieder nach Bayern zurück möchte?

Julian Wittmann erlebt alles, was man auf einer Segelyacht erleben kann, vom kaputten Motor bis hin zum Sturm, der das Hauptsegel zerfetzt. Und er erlebt einen alten Mann, der all seine Reisen dokumentiert und auf fünf Festplatten speichert, um über seine Reisen Bücher zu schreiben und Vorträge zu halten, um sein Leben in Freiheit finanzieren zu können. Er erlebt aber auch, wo diese Freiheit ihre Grenzen findet und was passiert, wenn der Hauptdarsteller einfach nicht mehr am Projekt teilnehmen möchte.

Am Ende definiert der Filmemacher den Traum vom Aussteigen ganz neu und kommt ernüchtert zurück nach Bayern.

„Ausgsting“ ist ein Porträt über jemanden, der seit fast 40 Jahren auf den Weltmeeren unterwegs ist, nicht mehr in seine bayerische Heimat zurück kehren möchte, aber dennoch am Freistaat auf verschiedenste Weisen hängt, aber seine Freiheit auf der Yacht nicht mehr aufgeben möchte. Ein spannender Einblick in das Leben eines Menschen, der auch mit über 80 Jahren neugierig bleibt und gerne fremde Kulturen kennenlernt, um mit ihnen zu leben, um auch deren Geheimnis vom Glück herauszufinden. Der Film zeigt aber auch, wie unterschiedlich der Blick von außen auf Aussteiger ist, und wie sich deren Leben dann wirklich darstellt, wenn man es genauer betrachtet und erlebt.

Pascal May
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